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Apr

Harald Schmidt: Das Alter-Sack-Syndrom

Haben wir alles schon 100 mal gesehen?
Müssen wir noch auf alles und jedes antworten?
Die Welt retten?
Gegen Böslinge wie Schwachsinn, Dummheit und Populismus zu Felde ziehen?

In einer österreichischen Kultursendung – die ich leider nicht mehr finde – sprach Harald Schmidt – den ich hier nicht mehr vorzustellen brauche – über sein Leben aus der Perspektive des älteren Herrn. Sinngemäß sagte er, dass er weder die 25. Antigone-Inszenierung sehen muss, noch ein weiteres Buch des (seiner Meinung nach völlig überschätzten) Max Frisch lesen will. Das sei nicht abwertend gemeint, das sei einfach das „Alter-Sack-Syndrom“ und die Ermüdungserscheinungen, wenn man viel gesehen, gelesen und erlebt hat.

 

Schluß mit der Engelszunge

Er spricht mir aus der Seele. Am besten ist, dass ich nicht mehr die Welt retten muss/kann/will. Ich habe hab schon alles gesagt zum vermeindlichen Thema „Da geht´s lang, Leute!“. Auch die Engelszungen-Nummer hab ich erfolgreich hinter mich gebracht: Ich muss niemanden mehr überzeugen, von gar nix. Und ich gebe zu: bevor ich die 26. Antigone-Inszenierung anschaue geb´ ich mir ein FC-Bayern-Spiel im TV. Gern auch in der Horizontalen zu Hause, im Sitzsack. Ist das Altersweisheit, dass ich das zugeben kann?

Harald Schmidt verweigert auch das Gegenlesen seiner Interviews. Das gefällt mir besonders gut. Das heißt wohl: Was weg ist, ist weg, bzw. falls ich Mist geredet habe stehe ich dazu. Oder auch: keine Zeit mehr für Eitelkeiten oder für´s Basteln am eigenen Image. Time is running.

 

Und bitte: keine Wiederholungen mehr

Ich mag auch keine Wiederholungen, z.B. in der Mode. Bitte nicht schon wieder Ballonröcke, Plastik-Spitzeneinsätze oder anderen Schnickschnack aus den 50er Jahren. Auch das gereifte Gehirn freut sich an Neuem, z.B. daran wie Karl Lagerfeld der Große modetechnisch „zitiert“. Der erfindet nicht das Rad (hier: das Kleid) neu, sondern „klaut“ bei den Alten und stellt das dann in einen neuen Zusammenhang. Super schön, super verspielt, super witzig oft.

Natürlich hat das mit dem „aus Altersgründen raushalten“ auch seine Grenzen: beim Populismus z.B. hört der Spaß vom „nicht mehr mitmachen brauchen“ auf. Ich kommentiere ungefragt wo immer er mir begegnet. Aber ich muss auf keine Demonstration mehr. Oder doch? Die „Pulse of Europe“ – Bewegung könnte mich nochmal aus dem Haus locken.

 

Unser Gehirn brauch Nahrung, unser Körper Wärme

Für uns Oldies ist das Internet das Bespaßungs-Tool der Wahl. Wir finden ständig schönes Neues, das hält das Hirn in Bewegung. Wir können hemmungslos auf youtube rumnostalgieren und wenn wir mit unserer Busenfreundin in Australien plaudern wollen, dann können wir skypen anstatt 20 Stunden in der Holzklasse um den ganzen Globus rum zu fliegen. Wir können sogar online meditieren, beten, Wetter in Rom kucken. Ist das nicht toll?

Natürlich: wir brauchen schon ein lebendiges Wesen, das uns ab und zu „das Fell wärmt“ (Thea Dorn), schließlich sind wir biologisch gesehen Herdentiere. Aber ob das immernoch ein Mann/eine Frau sein muss, oder ob das nicht vielleicht auch ein netter Hund oder eine liebreizende Katze sein kann?

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