27
Nov

Ende gut – alles gut?

Individuation und Restlaufzeit: C.G.Jung und das Lebensende

Wenn die Restlaufzeit überschaubar wird, nimmt die „Individuation“ mächtig Fahrt auf, meinen die Jungianer, und Prof.R.T.Vogel erklärte jüngst in München*, was das genau heißt. Auf kürzestem Weg: das Postulat „Werde du selbst!“ Warum sollte ich denn jemand anderes sein als dieser oder diese „ich selbst“? Weil ich mir im Laufe des Lebens verschiedene Rollen aneigne: die des Vaters, der Mutter, des jugendlichen Helden, der verführerischen Liebhaberin, des Chefs, der Klassensprecherin usw. So weit, so brauchbar. Das Problem könnte sein: Was, wenn ich mich mit dieser Rolle identifiziere und, wenn sie ausgespielt ist (der Job weg, die Frau, der Mann, die Jugend), dadurch in ein riesiges Loch falle?

Die Dressur transzendieren

Es geht also darum, zum Individuum, zum unverwechselbaren Einzelwesen zu werden, unabhängig von äußeren Umständen. Die Jungianer haben dafür das schöne Wort „Verselbstung“ erfunden: Ich trau mich, der zu sein, die zu sein, die ich bin, die ich zu sein fühle – und nicht das Wesen, das dressiert worden ist aus vermeintlicher – oder tatsächlicher? – gesellschaftlicher Notwendigkeit.

Hausaufgaben machen, allez hopp!

Ein bisschen altväterlich scheint mir die These der „Entwicklungsaufgaben“. Ja, das Leben kann man als Ganztagsschule sehen, das ergibt sich ganz von selber: dass wir mit Neuem lernen müssen umzugehen, und dass das etwas mit uns macht. Das kann man biologisch sehen, technisch oder auch spirituell. Einen Beigeschmack aber hat es m.E., wenn es pädagogisch daherkommt, so nach dem Motto: „So, Bursche! Du hast deine Hausaufgaben nicht gemacht, hast gepennt, statt C.G.Jung zu lesen (wahlweise: zu meditieren, turnen, beten), und nun rennt die Zeit, jetzt aber hopp, nun musst du – womöglich schon im Pflegebett – noch fix deinen Aufgabenberg abarbeiten!“

Was denn noch alles, oder: Die Kunst der Akzeptanz

Ich halte das für Käse, denn: Wir alle tun, was wir im Augenblick gerade können, geben immer unser Bestes, und wenn uns das nicht möglich ist, üben wir uns eben in der Kunst der Akzeptanz. Die können wir auf dem Sterbebett – by the way – bestimmt eh gut gebrauchen. Der Begriff „Aufgabe der letzten Lebensphase“ aus der Thanato-Psychologie dagegen treibt mir schon jetzt den Schweiß auf die Stirn. Was denn noch alles?! Ich will auf dem Totenbett meine Ruhe haben und nach innen schauen und keinen Aufgabenkatalog abarbeiten, denn: Ich vertraue darauf, dass mir das Leben alles zu seiner Zeit zuspielt. „Du kriegst das, was du (aus-) halten kannst“ sagen die Sufis.

Dankbarkeit am Ende

Ein glückliches Schicksal hat mir dabei schon mit 20 Bedingungen beschert, in denen ich das Loslassen üben konnte, das Desidentifizieren mit Rollen, das Lernen, dass der Weg das Ziel sei, schließlich die Meditation (heißt hier: Innehalten, Ruhe, mich im Hier und Jetzt aufhalten, Abstand gewinnen), Mitgefühl mit mir selbst, und ja: auch die Integration des „Schattens“. Jetzt werden die Jungianer sagen, das sei nicht möglich. Egal: Es geht darum, meine dunkle Seite anzuerkennen, zu wissen, dass die Dämonen jederzeit aus der Flasche kommen können, und dass es nicht mein Verdienst ist, wenn ich verschont bleibe…. und da kommt sie dann auch schon: die alles entscheidende Dankbarkeit. Die möchte ich spüren am Lebensende.

 

*auf einer Veranstaltung der C.G.Jung-Gesellschaft

Links:
www.junggesellmuc.de
https://www.carl-g-jung.de/
https://de.wikipedia.org/wiki/Thanatologie

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