Über mich

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Wer nicht zur Welt kommt…..

»Wer nicht zur Welt kommt, hat nicht viel verloren.
Er sitzt im All auf einem Baum und lacht.
Ich wurde seinerzeit als Kind geboren,
eh ich’s gedacht.«
Erich Kästner

Die Geschichte meiner Familie fängt natürlich lange vor mir an – ungefähr zu der Zeit, als ich im All auf einem Baum saß, lachte und mir überlegte, wo ich mich wohl inkarnieren könnte, wo es sich lohnen würde, den Baum im All zu verlassen, wo ich wohl weiter was zu lachen haben würde und wo mir die Perspektive, das Leben als kosmischen Witz zu sehen, wohlwollend gelassen würde.
Dabei zog es mich blindlings zu jenem »listigen Bergvolk«, wie die Bayern in einem russischen Lexikon genannt werden, das zwischen kristallblauen Seen und eiskalten Bergbächen unter einem besoffen blauem Himmel gerade den Schutt aufräumte, den ein irrwitziger kriegslüsterner Diktator ihm hinterlassen hatte.
Lebenslust pur spürte ich bei denen, eine Kulturrevolution war gerade über sie hereingebrochen, sie berauschten sich an den neuen Klängen der Musik, die ihnen die heiß ersehnten Sieger mitgebracht hatten, sie tanzten wie wild zu den heißen Rhythmen der Jazzmusik und vögelten im Deutschen Theater vor Begeisterung unter den Tischen.

Beim listigen Bergvolk

Besonders an Fasching, da spürte man, dass die katholische Kirche noch was zu sagen hatte, da ließen meine bayerischen Vorfahren erst recht, weil von Gott verordnet, die Sau raus. Sie verkleideten sich fast wie die Venezianer, griffen sich in Kohlenkellern unter die Röcke, um sich dann am Aschermittwoch Asche aufs Haupt zu streuen und Fisch zu essen. Ein parteipolitisches Beschimpfungsritual, immer aschermittwochs, nahm da auch seinen Anfang – aber das interessierte die Bayern nicht wirklich, das waren für sie eher die Nachfolgeveranstaltungen urzeitlicher Volksbelustigung.
Vom All aus sah ich meinen Großvater im bayerischen Oberland einen Hirsch schießen. Das war sein Job als Forstdirektor. Und meine Großmutter Preiselbeermarmelade einkochen. Die samtige Haut der reifen Himbeeren und das helle Blau der vielen Vergissmeinnicht in ihrem Garten zogen mich magisch an. Aber ich konnte nicht direkt dorthin – ich musste den Umweg über ihre Tochter/meine Mutter nehmen.
Die hatte gerade – die Schauspielschule, auf die sie gehen wollte, war komplett weggebombt und die Universität zum Teil noch Ruine – einen der knappen Studienplätze ergattert und diesen dann – ja, ein wenig hinterwäldlerisch waren sie schon, meine Vorfahren – ihrem jüngeren Bruder, dem Stammhalter der Familie, abgegeben. Der kuckte pausbäckig durch seine Hornbrille und nahm dankend an.
Muttern dagegen landete, nach ihren paar Semestern Zeitungswissenschaft, bei einer Zeitung. Sie wollte schreiben. Nur was? Der Chefredakteur, unter dem Druck, seine Leser täglich mit neuen München-News füttern zu müssen, blaffte sie an :
»Wenn nichts los ist, dann machen Sie was los !!!«
Muttern war konsterniert. Schließlich war sie keine Betriebsnudel, sondern verstand sich als Intellektuelle. Verzweifelt schluchzte sie auf dem Redaktionsflur ins Taschentuch.
Da kam er um die Ecke – oder schubste ich ihn aus dem All? – der Vater!

Mutter trifft auf Vater

Ein smartes Kerlchen, erst 22, das sich grade von der faschistischen Dressur eines Naziinternats erholt hatte. Das ging im lebenslustig-barock-katholischen, immer von warmem Föhn befächelten Bayern natürlich besonders gut. Deswegen war er wohl angereist aus Stade an der Elbe, wo sich seine vom Krieg zerzauste Familie wieder gefunden hatte unterm Dach bei seinem Großvater, einem fast blinden Chirurgen, der seine Messer gewetzt haben soll, bis er wirklich überhaupt nichts mehr sah. Seinen Vater hatte der Krieg verschluckt – Bye bye, Großvater, schade dass wir uns nie kennengelernt haben! -, dafür hatte er vier jüngere Geschwister, und er war der ganze Stolz seiner ehrgeizigen, tigerbemantelten Mutter. Grund genug also, richtig Karriere zu machen. Und er hatte Glück, und außerdem auch ordentlich Talent. Bis ins All hörte ich die Seufzer schmachtender Damen »Haaach, er schreibt wie ein junger Gott!«.
Es kam also, wie’s kommen musste: Er schmuste die schluchzende Mutter vom Flur weg und schenkte ihr ein Paar grüne Krokodillederschuhe. Und obwohl Muttern sehr katholisch war, trieben sie es ziemlich bunt. Warum sie dann auch noch heiraten mussten, gegen den Widerstand des schießenden Försters, wird immer ein Geheimnis bleiben, oder war es etwa so, wie sie später oft scherzhaft sagten: »Wir haben uns nur wegen dir getroffen!«?

So fuhr Muttern also eines Tages aufs Land zu ihren Vater, dem Förster, wo sie ihre Eltern darauf einzustimmen versuchte, dass am nächste Tag ein Kollege kommen und um ihre Hand anhalten würde. »Nur zu!«, hätte ich am liebsten runtergerufen von meinem Ast im All, das Lachen war mir fast vergangen ob ihrer Zauderei: »Nun mach schon!«. Aber nichts bewegte sich. Vatern hatte nicht studiert und die Großeltern hatten einen seit Generationen sorgfältig gepflegten Akademikerdünkel. Immer diese Angst vor Autoritäten! Wahrscheinlich auch ein Überbleibsel des irrwitzigen Diktators. »Nun mach schon!« – das war mein Mantra in diesen Tagen.
Am nächsten Tag: schneidiger Auftritt des jungen Vaters. Er fuhr, Ledermütze auf dem Kopf und Sonnenbrille auf der Nase, auf seinem Motorrad vor dem Forstamt vor. Hinter sich wirbelte er eine beachtliche Staubwolke auf – das muss erblich sein: auch ich liebe Staub aufwirbeln.
Beim Abendessen nach dem Tischgebet hob der junge zukünftige Vater an:
»Ich dachte, dass wir so im Mai heiraten…«

Den Großeltern fällt das Besteck aus der Hand

Als er sah, dass dem Förster und seiner Frau das Besteck aus der Hand sank, kam er ins Stocken und sah seine Geliebte etwas ratlos an. Die nagelte ihren Blick auf den Hirschgeweihen an der grünen Wand fest, und der kleine Bruder, der auf ihrem Studienplatz ausgerechnet Jura studierte (das war der andere Dünkel: Jura studiert man einfach nicht, wenn man was im Hirn hat), rührte entsetzt in der Suppe.
Der Großvater und die Oma, die ich so liebte, dass meine Liebe wohl schon im All ihren Anfang genommen haben muss (sie sah so weich aus und fühlte sich auch so an), wollten nicht glauben, was sie eben gehört hatten. Vatern fühlte sich wie in einer Parallelwelt und es beschlich ihn die Befürchtung, dass das nicht die seine war. Zu hinterwäldlerisch, zu katholisch, zu statisch. Am nächsten Tag fuhr er weiter an den Bodensee und schrieb seiner Geliebten einen Brief: »Ich glaube, es ist sinnlos, es geht nicht…«
Ein angeheirateter Onkel, eigentlich ein Großmaul, aber in diesem Fall sehr hilfreich, redete allen gut zu, verhandelte mit den Förstergroßeltern (schließlich waren Männer knapp in dieser Generation, die Hälfte mindestens war im Krieg weggeschossen worden), tröstete die ratlose Braut, überzeugte den Bräutigam. Ich schlug Saltos der Ungeduld auf meinem Ast im All.
Mutter sieht grässlich aus auf den Hochzeitsfotos, sie schielte fast vor Verzweiflung. Dicker Stress-Herpes machte sich auf ihrer Oberlippe breit, als hätte sie geahnt, dass das alles nicht gut gehen konnte. Später sollte ich das auch erleben: das sichere Gefühl, dass etwas fürchterlich schief läuft, aber trotzdem keine Alternative weit und breit zu sehen ist, dann der Versuch, ganz wach zu bleiben, getrieben von dem verzweifelten Wunsch zu durchschauen, warum alles so läuft, wie es läuft. Die Fotos hat sie sofort verschwinden lassen – ich hab sie zu ihren Lebzeiten nie gesehen.
Auch die Hochzeitsfeier selbst war leicht desaströs. Die Tigermatel-Oma meinte die Nase erheben zu müssen über die Preiselbeer-Oma, die Verklemmung des kleinen Bruders wurde als Ungezogenheit fehlinterpretiert, und Vaterns kleine Schwester vom angeheirateten Onkel begrapscht. Ganze Universen trennten sie. Und anstatt das mit Humor zur Kenntnis zu nehmen, unterstellten sie sich wechselseitig – die aus dem Norden denen im Süden – Tölpelhaftigkeit oder – die aus dem Süden denen aus dem Norden – affige Manieriertheit.

Endlich on the way

Endlich war es dann aber doch so weit, das gestresste, aber verliebte Paar konnte auf Hochzeitsreise gehen und in Ruhe ein Kind zeugen. Voila! Geschafft. Endlich war ich auf meinem Weg.
Opa Förster ließ sich nicht lumpen. Er hatte ordentlich Aussteuer springen lassen. So viel, dass wir’s uns ganz im Stil der Zeit gemütlich machen konnten: Chippendale auf Perserteppich und mindestens 6 verschiedene Gläsersorten im Schrank, schwere Aschenbecher und Plüschkissen. Muttern war froh, dass sie die Hirschgeweih-Optik hinter sich lassen konnte, für Vatern gab’s ein Arbeitszimmer, in dem er auf der Schreibmaschine hackte und in dem dicke Zigarettenschwaden standen, und langsam nahm auch mein Zimmer Gestalt an.
Eines Tages sagte der untersuchende Arzt zu meiner Mutter
»Das wird aber ein lebhaftes Kind!«
Ich muss mich sooo gelangweilt haben. Neun Monate warten, nichts als schwimmend warten!
Endlich war es so weit: Muttern wurde eingeliefert ins Rot-Kreuz-Krankenhaus… und wie ich mich dann ans Licht geschoben hatte, im Schweiße meines und ihres Angesichts, war sie enttäuscht: das Kind sah so ganz anders aus als sie es erwartet hatte… ja, wie eigentlich… also irgendwie gar nicht so wie die Försterfamilie, eher Typ Tigermantel-Oma. Rote Haare! (Wobei man nicht wirklich wusste, welche Haarfarbe diese Oma hatte, sie wechselte so oft… das leichte Lila hat mir am besten gefallen). Von der ersten Sekunde an waren wir uns fremd und beäugten einander misstrauisch. Sie guckte mich an wie einen Außerirdischen. So beäugten wir uns lange, bis der stürmische Vater, der auf dem Weg ins Krankenhaus auf der eisglatten Straße ins Rutschen gekommen war und einen Gemüsestand in der Nymphenburger Straße umgefahren hatte, eintraf. Endlich war er da. Es war Liebe auf den ersten Blick. Er hielt mich hoch und verkündete: »Das ist das schönste Kind der Welt!«
Das beruhigte mich und auch die zweifelnde Mutter ein wenig.

Reisen – Schreiben – Überfälle

Unsere Ménage à trois hielt nur kurz an. Der junge Vater scharrte mit den Hufen, er wollte die Welt sehen und hatte endlich Sponsoren gefunden für eine Reise nach Indien auf dem Landweg. Ein richtiges Abenteuer. Reisen – schreiben – reisen – schreiben. Er und ein Fotograf. So war es jedenfalls geplant. In Wirklichkeit wurde es dann: reisen – schreiben – Überfälle – Autounfälle. Das Geld ging ihm aus. Der Förstergroßvater schickte welches. Einmal exotischer Orient, rätselhaftes Asien, heißes Indien und zurück.

Nachdem er abgereist war, seufzte die Mutter und zog aufs Land zu ihren Eltern. Ich war begeistert: die Oma, die Himbeeren, die Vergissmeinnicht und ich. War die Mutter überhaupt dabei? Oder war sie mit dem grapschenden Onkel nach Italien gefahren? Ich jedenfalls lehnte mich selig an den weichen Busen der Oma und hörte das Knistern ihrer Seidenbluse. Sie trug mich immer mit sich – Sicherheit hüllte mich ein. Die Sonne schien durch die Äste der blühenden Apfelbäume hinter dem Forstamt, im Dorfteich vor dem Haus quakten die Frösche inbrünstig zum Sonnenuntergang.

Kirchenchor und Spiritualität…

Oma sang im Kirchenchor, mein erstes spirituelles Erlebnis. Und obwohl dies zu einer Zeit geschah, in der mein Gehirn noch gar nicht die Kapazität ausgebildet hatte, Erinnerungen abzuspeichern, erinnert jede meiner Körperzellen dieses Gefühl, vom Klang einer Orgel und den Stimmen eines Chores in einen Zustand mitgenommen zu werden, der sich deutlich unterschied von… ja, von meinem normalen Leben zwischen den Vergissmeinnicht, ohne dass ich damals oder heute hätte formulieren können, worin dieser Unterschied eigentlich bestand.
Gute Geister nahmen der Oma Haus- und Gartenarbeit ab. So konnte ich ihre weißen Haare aus der Nähe studierten, schnupperte an ihrem Eau de Cologne und lächelte satt und zufrieden die Gäste an, die zum Kaffee kamen: die Kommilitonen des kleinen Onkels oder die Gattin von Opas Kollegen, die später seine Geliebte werden sollte… aber das wussten wir damals noch nicht. Noch war die Welt total in Ordnung. Über den Rand des Wäschekorbes, der mein Zuhause war, sah ich auch drei wohlfrisierte Cousinen neugierig nach »dem Baby« schauen – aber ich war Omas Favoritin, und das, obwohl ich so anders aussah, vielleicht weil ich die Kleinste war. Vier Jahre später hatten die Cousinen noch einen kleinen Bruder im Schlepptau. Da war ich ziemlich empört – was machte der hier? Meinen Platz bei der Oma konnte er mir aber nicht mehr streitig machen… denn vier Jahre später sollte es keine Oma mehr geben.
Sie hat mir die beste Zeit meines Lebens beschert. Danke Oma!

… und Dantes Inferno

Irgendwann musste ich in die Stadt zurück. Dort erwartete mich Dantes Inferno: die Eltern hatten sich verkracht. Und obwohl sie die Nasen hochhielten und die Contenance bewahrten, keine Teller warfen und nach der Scheidung noch einen Sekt im »Bayerischen Hof« tranken, spürte ich das Erdbeben, welches meine Mutter erschütterte – und mich mit ihr – , als der junge Vater seine Reiseschreibmaschine in den VW-Käfer packte, aufs Gas stieg und verschwand.

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