14
Feb

Lob des Händchenhaltens

Lob des Händchenhaltens

Wenn der Tod ganz nah kommt

Manchmal ist es schwierig mit dem Heiter bleiben, das gebe ich gerne zu…, dann wenn die Einschläge näher kommen und das abstrakte Wissen um die Endlichkeit zur beinharten Realität wird, dann wenn der/die Erste der gleichen Generation stirbt oder eine gnadenlose Diagnose erfährt.

Ich gebe zu: ich war tagelang in Schockstarre – und meine Heiterkeit auf der Flucht – als mein alter Buddy X die Diagnose ALS kassierte. Das ist die Nerven-Krankheit, die am wenigsten Hoffnung lässt von allen die ich kenne. Das ist ein gnadenloser Verfall von körperlichen Fähigkeiten in Tateinheit mit der fiesen Gewissheit: das wird nicht mehr besser, sondern immer nur schlechter. Da geht einem schon mal der Text aus, da bleibt einem nicht nur die Spucke weg, sondern auch die Worte. Und Angst schleicht sich in die eigenen Knochen.

Schnappatmung statt Heiterkeit

Kurz darauf: meine Ferienfreundin und entfernte Cousine Z , selber Ärztin, Frohnatur und die beste Gastgeberin auf der Insel, findet immer öfter ihre Worte nicht mehr. Kurz darauf der Hammer: Gehirntumor. Da kriege ich die Schnappatmung anstatt der viel beschworenen Heiterkeit.

Ein ganz eigenes Gefühl von Dringlichkeit stellt sich dann ein und das Bedürfnis sich aufs Wesentliche im Kontakt zu konzentrieren. Kein Blabla mehr? Kommt darauf an: manchmal ist Normalität – also das vermeindliche Blabla – gerade gut, und ich erinnere mich an die Frage: Wenn du morgen stirbst, was machst du heute noch? Ich? Gar nichts! Ich setze vorsichtig einen Fuß vor den anderen, nur etwas bewusster wahrscheinlich.

Demenz, das Hier und Jetzt und der Sonnenschein

Außerdem betreue ich gerade eine alte Dame auf dem Weg in die Demenz. Da wird dann schnell klar: Schlaumeiern, Besserwissen, intellektuelle Spielchen, geistreiche Scherze, akademische Pirouetten… das kann man/frau alles in die Tonne treten. Das führt nur dazu, mit dem Kopf an die eigen verlorene Kompetenz zu rennen. Da es aber nicht unsere Aufgabe als Betreuer ist, die Betreuten mit ihren Verlusten zu konfrontieren, kommen wir also zurück zu Heiterkeit.

Dann ist Händchenhalten, Lachen und in der Sonne sitzen gefragt.

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